Geschichte Großbüllesheims

Großbüllesheim, ein langgestreckter Ort, so wie er sich vor allem von der Bahnstrecke Euskirchen - Köln aus darbietet, gehörte bis zum 1. Juli 1969 zum Amt Kuchenheim und bildet seit der kommunalen Neugliederung einen Teil der Stadt Euskirchen. Büllesheim, das 856 in einer Urkunde König Lothars II. im Goldenen Buch der Abtei Prüm als "Bullengesheym" zum erstenmal genannt wird, erscheint 867 als "Bullingiheim" und schließlich 1316 im Liber valoris als "inferior Bullisheim et aliud Bullesheim" (das untere Büllesheim und das andere Büllesheim). Nach Mürkens enthält Büllesheim im Bestimmungswort den nachweisbaren keltisch-gallischen Personennamen Bullus. 

Da die älteren Nachrichten meist nur von Büllesheim sprechen, ist es schwer zu unterscheiden, ob sie sich auf Groß- oder Kleinbüllesheim beziehen. 1337 wird urkundlich "Overbulisheym" erwähnt, womit also auch auf ein Unterbüllesheim geschlossen werden darf. Bis ins 19. Jahrhundert werden beiderlei Bezeichnungen gebraucht, und erst die Neuzeit hat die Namen Groß- und Kleinbüllesheim festgelegt. 

Großbüllesheim gehörte im frühen Mittelalter zum Herrschaftsbereich der Pfalzgrafen auf der Tomburg; seit 1473 waren die Herzöge von Jülich Landesherren, denen aber das Erzstift Köln stets die Herrschaft streitig machte. 1396 verkaufte der Lehnsträger Johann von Daun sein Dorf Großbüllesheim an Heinrich "von Büllesheim". Bei der ersten urkundlichen Erwähnung der Großbüllesheimer Burg 1406 erscheint als Eigentümer die Familie von Spies, die sich nun Spies von Büllesheim nannte. Durch Einheirat folgten die von Nesselrode (1521) und darauf Johann von Flodorp, um 1566 die Quadt zu Wickrath, die in ihrem Burghaus dem reformierten Gottesdienst einen Betraum einräumten. Im 18. Jahrhundert kam die Burg nacheinander an die von Glasenapp (1752), von Raesfeld (1760) und durch Kauf wieder an ein katholisches Geschlecht, die von Brempt, die noch 1843 das Anwesen als landtagsfähiges Rittergut besaßen. 

Die Burg war ursprünglich eine zweiteilige Anlage; 1886 war das Burghaus, das links vor dem Tor lag, schon verschwunden. Die Vorburg wurde damals geteilt, die Gräben meistenteils zugeschüttet. Heute stehen nur noch der Torturm und das angrenzende Wohnhaus mit einer Holzgalerie des 18. Jahrhunderts sowie die neueren Bauten. Die Pfarre Großbüllesheim besteht aus den beiden, fast aneinandergebauten Ortsteilen Großbüllesheim und Wüschheim. Das Patronat der Pfarrkirche, die dem hl. Michael geweiht ist, hatte ursprünglich die Abtei Prüm; im 15. Jahrhundert ging das Kollationsrecht, das Recht zur Ernennung des Pfarrers, auf die Besitzer der Burg über. Die Kirche, im Kern romanisch, wurde wiederholt wesentlich verändert. 1742 war ein Neubau des Schiffes notwendig, 1885 wurden die Seitenschiffe durch neue, breitere ersetzt, 1952 wurde das Innere der Kirche renoviert. Da inzwischen die Zahl der Gläubigen aus Großbüllesheim und Wüschheim auf über 1200 angestiegen war, erschien eine Vergrößerung der Kirche unumgänglich. Im August 1969 begannen die Arbeiten nach den Plänen von Architekt Karl Josef Ernst (Zülpich). Die Seitenschiffe und das 1812 erweiterte Chor wurden abgebrochen, um den Erweiterungsbau unmittelbar an den romanischen Teil der Kirche angliedern zu können. An die Nordwestwand der Kirche schließt sich nun der Neubau mit seinen Satteldächern an, das Innere bildet einen einzigen freien Raum. 

Auf die Initiative von Bürgermeister Kaumanns (Kuchenheim) hin richtete die Preußische Staatsbahnverwaltung 1914 in Großbüllesheim eine Haltestelle mit einem geräumigen Bahnhofsgebäude ein. Auswärtige Arbeitsplätze sind seither bequem zu erreichen. Die Kreuzung der Bahnlinie Köln-Trier mit der Hauptstraße wurde in eine Unterführung verlegt. Diese Hauptstraße, deren Breite besonders ins Auge fällt, hatte einmal ihre besondere Bedeutung: Jahrhunderte hindurch bildete sie einen Teil der sogenannten Krönungsstraße von Frankfurt nach Aachen. Es war dies ein alter Heerweg, auf dem die in Frankfurt am Main gewählten römisch-deutschen Kaiser zur Krönung in der Aachener Pfalzkapelle zogen. Von Kloster Essig aus verlief die Straße quer durch die Felder, wo sie stellenweise noch als Kiesweg zu erkennen ist, bis zum früheren Sportplatz südlich des Dorfes, bog dann in die Hauptstraße ein und folgte dieser durch Großbüllesheim und Wüschheim bis zur Erft, die sie in einer Furt durchquerte. Nach dem Bau der preußischen Landstraßen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlor sie an Bedeutung und verschwand im Zuge der Flurbereinigungen vollends. 

Quellen:
Hoffmann, Karl Johann: Drei rheinische Dörfer und ihre Geschichte - Großbüllesheim, Kleinbüllesheim, Wüschheim; Weilerswist, 1998 Cecere, Fabio: Die Kirche St. Michael in Großbüllesheim; Euskirchen, 2006; In: Die Kirchen und Kapellen in Euskirchen, S. 64, Freunde und Förderer des Stadtmuseums e.V. (Hrsg.) Relles, Corinna; Rünger, Dr. Gabriele; Zanger, Octavia: Burg Großbüllesheim; Euskirchen, 2005; In: Die Burgen um Euskirchen, S. 11, Freunde und Förderer des Stadtmuseums e.V. (Hrsg.) Herzog, Harald: Burgen und Schlösser - Geschichte und Typologie der Adelssitze im Kreis Euskirchen, S. 272 ff., Köln 1989   

Der Niederländische Postkurs

 Ein Beitrag von Klaus Schmitz 

Großbüllesheim gilt als sogenanntes Straßendorf. Maßgebend hierfür war sein Lage an der sogenannten „Aachen-Frankfurter-Straße“. Sie wurde als kurze Verbindung zwischen der Kaiserstadt Aachen und Frankfurt, dem Wahlort der deutschen Kaiser, hergestellt. Die Straße verlief aus Aachen kommend über Düren, Sievernich, Wichterich, Wüschheim, Großbüllesheim, Essig, Oberdrees und Rheinbach weiter nach Sinzig am Rhein und dann Richtung Frankfurt. Diese Straße hat über viele Jahrhunderte die Entwicklung unseres Ortes geprägt.    

1990 gab die Deutsche Bundespost einen Ersttagsbrief aus Anlass von 500 Jahren europäische Postverbindungen heraus. Auf diesem Brief findet sich der „Niederländische Postkurs“ von 1500 wieder, der auch den Ort Büllesheim (Großbüllesheim) enthält. Dies veranlasste mich, der Sache einmal nachzugehen.

 Dem Buch „Drei rheinische Dörfer und ihre Geschichte“ von Karl Hoffmann, 1998,  und Wikipedia (Seite „Niederländischer Postkurs“, Bearbeitungsstand: 21. Januar 2011, 20:01 UTC. 
URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Niederl%C3%A4ndischer_Postkurs&oldid=84221792) lassen sich hierzu Informationen entnehmen, die ich nachstehend zusammen gefasst habe. 

Der Niederländische Postkurs wurde unter König Maximilian I. im Jahre 1490 als ein europäischer Hauptpostkurs gegründet und war zugleich die erste dauerhaft betriebene Postlinie im Heiligen Römischen Reich. Die Route verband Innsbruck mit den Niederlanden und Italien. In den Niederlanden waren seit 1505 Mechelen oder Brüssel die Endpunkte, ab 1516 nur noch Brüssel, wo unter Karl V. eine neue Zentrale mit Generalpostmeistern aus der Familie der Taxis entstand. Dieser Postkurs nutzte auch die bestehende Aachen-Frankfurter-Straße. 

Die entscheidende Neuerung des Postkurses gegenüber dem damals bestehenden Botensystem bestand darin, dass es Poststationen gab, auf denen die Reiter und Pferde wechselten und nur das verschlossene und versiegelte Felleisen mit den Briefschaften wie bei einer Staffel weitergereicht wurde. Da die Post auch nachts ritt, verkürzte sich die Wegezeit erheblich. Zunächst wurden fast nur in unbefestigten Dörfern Pferdewechselstationen eingerichtet, weil die Städte nachts die Tore schlossen. Der Abstand zwischen den einzelnen Stationen betrug ursprünglich 5 lange Meilen, was etwa 37,5 km entsprach. Sie boten neben dem Posttransport auch vielen Postreisenden die Möglichkeit, auf den Relaisstationen die Pferde zu wechseln und mit Begleitung zur nächsten Wechselstation zu reiten. Eine solche Station war nach Aufzeichnungen auch in Großbüllesheim eingerichtet und damit schon ein sehr früher Vorläufer unseres heutigen Postshops. 

Mit der französischen Besetzung der Spanischen Niederlande und Luxemburgs zu Beginn des Spanischen Erbfolgekrieges und der Aufkündigung des spanisch-niederländischen Postgeneralats der Thurn und Taxis im Jahre 1701 endete der spanische Transitpostkurs von den Niederlanden nach Italien.   

Postkarten aus Großbüllesheim

Ein Beitrag von Klaus Schmitz 

Als kleiner Beitrag zur Geschichte unseres Ortes sollen die nachfolgenden historischen Postkarten dienen, die im Laufe der Jahrzehnte entstanden sind und auch - zumindest teilweise - verschickt wurden. Evtl. Rechtebesitzer an den Bildern und damit Originalbilder sind nicht mehr ausfindig zu machen. 

Die hier gezeigten Postkarten sind in Privatbesitz.

Die Postkarte ist 1909 versandt worden. Sie zeigt oben den Blick auf das Dorf aus Richtung der Burgmühle. Man sieht links von der Kirche Schornsteine der früheren Brauerei an der Talstraße.
Unten links zeigt den Blick auf die Burg aus Richtung der Burgmühle.
Unten rechts ist die damalige Situation am Ortsausgang Richtung Wüschheim abgelichtet. Die beiden Häuser stehen auch heute noch, nur in verputztem Zustand, zwischen beiden Gebäuden liegt heute die Zufahrt zum Getränkeverlag Kronenberg. Die frühere Hauptstraße, heute Großbüllesheimer Straße, führte über einen beschrankten Übergang über die 1875 eröffnete Bahnlinie von Euskirchen nach Köln. Den Bahnhof Großbüllesheim und die Straßenunterführung gab es zum Zeitpunkt der Karte noch nicht, sie wurden erst 1913/14 gebaut.

Die Postkarte ist ca. 1915 versandt worden. 
Das obere Foto zeigt den Blick „bergauf“ in die heutige Kompstraße, die damalige Judengasse.
Das untere Bild zeigt einen Blick auf die rückwärtige Seite der Burgmühle.

Die Ansichtskarte ist 1937 versandt worden. 
Das Bild oben links zeigt – unverkennbar – die unter Denkmalschutz stehende Gaststätte Dick, den heutigen „Dorfkrug“. Oben rechts ist das Denkmal zur Erinnerung an die Gefallenen der Weltkriege abgelichtet. Das Denkmal stand mit dem Rücken zur heutigen Kompstraße auf dem alten Friedhof an der Kirche. Es wurde im Zuge der Erweiterungsarbeiten rund um die Kirche in den siebziger Jahren abgebaut.
Unten rechts gibt es aus Richtung Kirche den Blick auf die Hauptstraße in Richtung Wüschheim. Die Häuserzeile rechts ist auch heute noch wieder zu erkennen. 
Unten links gibt es einen Blick in die Gaststätte Dick.

Diese Postkarte ist 1941 gelaufen. 
Sie zeigt oben links Pfarrhaus und Kirche; man kann erkennen, wieweit damals das Kirchenschiff in die Straße hineinragte. 
Oben rechts sind an der früheren Hauptstraße die Volksschule (rechts) und die damalige Poststelle abgebildet.
Das Bild unten rechts zeigt den Bahnhof und auf dem linken Foto wird ein Blick dorfeinwärts gezeigt aus Richtung der Ecke Freiheitsstraße.

Die Postkarte stammt etwa aus dem Jahre 1968. 
Sie zeigt oben links die Kirche, damals noch nicht erweitert, und oben rechts die Grundschule, die – deutlich erkennbar – um den rechten Teil des Gebäudes 1967 erweitert wurde. 
Unten rechts beim Blick auf die Hauptstraße sieht man das damalige Lebensmittelgeschäft Klein/Kronenberg (heute Bäckerei Lennartz). Dort wo heute ein Wohnhaus mit Ladenlokal an der Ecke zur Talstraße steht, befanden sich damals noch zwei Gebäude der ehemaligen Brauerei. Unten links ist die 1964/65 errichtete Turnhalle mit dem (heute nicht mehr dort bestehenden) Sportplatz zu sehen.

Die Postkarte wurde um 1974 erstellt. 
Oben links zeigt sie den Blick auf die Großbüllesheimer Straße mit dem Fachwerkhaus Röhrig. Oben rechts ist wieder die Grundschule dargestellt. Unten rechts zeigt das Foto Pfarrhaus und Kirche nach Renovierung und Erweiterung.  In der Mitte unten wird der Bahnhof gezeigt mit der damals noch möglichen Vorfahrt vor das Gebäude. Das letzte Bild unten links zeigt den Blick auf die Großbüllesheimer Straße ortseinwärts am Bahnhof vorbei.

Drei Aufsätze von Karl Johann Hoffmann

Hitlerjahre, Kriegsjahre, Nachkriegsjahre - Drei Aufsätze von Karl Johann Hoffmann.  

Karl Johann Hoffmann, der Heimatforscher und Autor des Buchs "Drei rheinische Dörfer und ihre Geschichte" über Großbüllesheim, Kleinbüllesheim, Wüschheim, hat seine Kindheits- und Jugenderinnerungen an die Zeit von 1933 bis 1948 veröffentlicht. 1933  zum Zeitpunkt der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten war Herr Hoffmann noch keine vier Jahre alt. Er lebte mit seinen Eltern und zwei Geschwistern in Großbüllesheim. 

In dem ersten und längsten Aufsatz "Hitlerjahre, Kriegsjahre, Nachkriegsjahre" schildert er seine ganz persönlichen Erinnerungen von 1933 bis 1948. Karl Hoffmann verbindet die bekannten historischen Ereignisse mit den Erinnerungen an seine Schulzeit, an die Menschen im Dorf, vor allem an das Schicksal der jüdischen Familien.

 Der zweite Aufsatz handelt von den Aufzeichnungen eines amerikanischen Sodaten, der am 11. März 1945 nach Großbüllesheim kam. Seine Einheit sollte in Großbüllesheim warten, um die Brücke in Remagen zu überqueren. Bevor sie Remagen erreichten, wurde die Brücke zerstört.
In dem dritten Aufsatz "Aus dem Leben der Jüdin Karolina Pfabe sowie das Schicksal der Jüdin Elly Weber" erinnert Karl Hoffmann an die Familien der beiden Frauen, die mütterlicherseites Wurzeln in Großbüllesheim hatten. Besonders tragisch war das Schicksal von Elly Weber, deren Mutter eine Jüdin aus Großbüllesheim war. Die Familie zog nach Gera, dort haben sich Elly und ihre Eltern am 15. Oktober 1945 aus Furcht vor der Deportation nach Theresienstadt das Leben genommen.

 Das Buch ist im Verlag Ralf Liebe, Weilerswist, erschienen und kann in Großbüllesheim im Lotto- und Zeitschriftenladen von Frau Salmon, sowie in Euskirchen in der Buchhandlung Rotgeri erworben werden.

Unerwartete Grabfunde in Großbüllesheim

 Auf ein Grab mit Seltenheitswert stieß ein Grabungsteam des 
Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) bei der Untersuchung eines künftigen, 
großflächigen Gewerbegebiets in Euskirchen-Großbüllesheim. Unter einem Hügel, 
den ein Graben von etwa 4,5 Meter Durchmesser begrenzte, lag eine hölzerne Grabkammer. 
Im Grab wurden ein Erntemesser aus Feuerstein und ein keramischer Becher gefunden. 

Über die am Becher festgestellten Verzierungen lässt sich das Grab der sogenannten Schnurkeramik (2.800 – 2.500 v.Chr.), einem Abschnitt der ausgehenden Jungsteinzeit, zuweisen. Das Grab ist die erst sechste schnurkeramische Bestattung, 
die jemals im Rheinland entdeckt wurde.   

Quelle: 
http://www.lvr.de/de/nav_main/derlvr/presse_1/pressemeldungen/press_report_37696.jsp   

Die neue Seifert-Orgel (29/II) von St. Michael

Zur Genese eines kirchenmusikalischen Bauprojekts

Weitere Bilder

Am Samstag, dem 10. September 2011, um 17:00 Uhr wurde in der Katholischen Pfarrgemeinde St. Michael in Großbüllesheim die neue Kirchenorgel feierlich eingeweiht und in den liturgischen Dienst gestellt. Es handelt sich hierbei um ein Werk der renommierten Orgelbaufirma Romanus Seifert aus Kevelaer, mit dem die alte Orgel endlich ersetzt werden kann.    

Als ich vor 10 Jahren meine Arbeit als Seelsorgebereichskirchenmusiker im Pfarrverband Erftmühlenbach begann, sah ich schon bald die Notwendigkeit des Neubaus einer Orgel für die Pfarrkirche St. Michael. Das Vorgängerinstrument von 1938, das aus einem Umbau der ursprünglichen Orgel aus der alten Kirche hervorgegangen war, erwies sich schon lange sowohl optisch als auch klanglich für diesen Raum und für den liturgischen und kirchenmusikalischen Bedarf als nicht zureichend; technisch befand sich die Orgel in einem unhaltbaren, ja gefährlichen Zustand. Es bedurfte dennoch einer erheblichen Überzeugungsarbeit, den Kirchenvorstand und die Gemeinde für einen Neubau zu gewinnen, handelte es sich doch um ein Vorhaben mit gewaltigen Kosten! Kritiker versuchten es mit ihren Bedenken besonders hinsichtlich des Kostenaufwandes madig zu machen, sodass ich immer wieder gefordert war, die Argumente für den Neubau zu verdeutlichen. Mein Ziel war es, auch diese Kritiker zu überzeugen und der Pfarrkirche endlich zu einem würdigen Instrument zu verhelfen.

In einer Kirche eine neue Orgel zu bauen oder auch eine alte zu renovieren funktioniert nur dann, wenn es viele Menschen gibt, die sich für ein solches Projekt engagieren und dann auch bei der konkreten, über Jahre andauernden Durchführung unterstützend dabei sind. Schließlich wurde beim Pfarrfest 2006 eine Abstimmung zur Neuanschaffung einer Orgel durchgeführt. Es zeigte sich, dass sich von hundert Stimmen nur wenige gegen einen Neubau aussprachen. Dies war ein wichtiger Schritt zur Realisierung des Projekts, denn er signalisierte die erforderliche Akzeptanz und Unterstützung. 

Nachdem die Pfarrgemeinde drei Firmen besucht hatte, fiel die Wahl ziemlich eindeutig auf die Firma Seifert in Kevelaer. Der Neubau-Auftrag konnte daraufhin nach den entsprechenden Entscheidungen in den Gremien der Pfarrei im September 2007 erteilt werden. 

Im Frühjahr 2008 begann ich in Zusammenarbeit mit der Firma Seifert mit der klanglichen Planung der Orgel, die letztlich bis zur endgültigen Fertigstellung andauerte. Während dieser Zeit waren regelmäßige Besuche und fachliche Gespräche mit dem Orgelbauer und immer wieder auch mit Pfarrer Berg selbstverständlich. 
Der Besuch und die Inaugenscheinnahme vieler neu gebauter Seifert-Orgeln in ganz Deutschland trug wesentlich zur Optimierung der gemeinsamen Planung und Ausführung bei. Unsere neue Orgel verfügt über 29 Register auf 2 Manualen und Pedal verteilt und hat insgesamt 1648 Pfeifen. Der sehr aufwändig gestaltete Orgelprospekt (Schauseite der Orgel) fügt sich hervorragend in den Kirchenraum ein: Das Gehäuse wirkt auf den Gottesdienstbesucher wie ein Engel, der seine 
„Flügel“ ausgebreitet hat, eine angemessene und ansprechende Symbolik für eine Kirche unter dem Patronat des Heiligen Michael. Die Orgel nimmt gestalterisch die Raumelemente auf: Die romanischen Rundungen der alten Kirche spiegeln sich in den „Tonnen“ wieder, die Holzdecke des neuen Teils wird farblich aufgenommen und zusammen mit anderen Merkmalen der architektonischen Formsprache behutsam integriert. So wurde das Gehäuse mit einem hellen Pigment-Öl behandelt, um eine optische Brücke von der Bruchsteinwand der alten Kirche über die Decke des neuen Raums bis hin zur Orgel zu schlagen. Die Linie führt also verbindend vom romanischen Baubestand über die Decke des Neubaus zur neuen Orgel. Auch die Rautenform der Fenster des Neubaus finden sich in der Prospektgestaltung wieder. Die Holztafeln der unteren Seitenteile zeigen sich kunstvoll mit einem kreisförmigen Muster durchbrochen; dadurch ist die Klangabstrahlung des im unteren Teil der Orgel stehenden Nebenwerks (Unterwerk) in den Kirchenraum gewährleistet. Dominierend wirkt die Dynamik des Orgelprospekts mit den glänzenden Prinzipal-Pfeifen, dem Hauptregister einer Orgel. 

Unsere Kirchenorgel ist klanglich als ein Instrument des 19. Jahrhunderts konzipiert. Das ist jedoch nicht als Rückschritt zu verstehen, denn sie eignet sich mit dieser Disposition hervorragend zur Darstellung der Literatur von der Barockzeit bis hin zu den Anfängen der Romantik (Bach, Mendelssohn, Rheinberger). Dadurch ergibt 
sich eine beachtliche stilistische Vielfalt. Darüber hinaus ist ein sakrales Instrument mit vielfältigen Variationsmöglichkeiten für das liturgische Orgelspiel entstanden. 
Die schwierige, sehr stumpfe Akustik der Kirche stellte allerdings eine zusätzliche Herausforderung dar: Die konzeptionelle Antwort bestand bei fehlendem Nachhall darin, ein kammermusikalisches Instrument zu schaffen, das kein Schwellwerk (ein innerhalb der Orgel mechanisch schließbares Gehäuse, um die Lautstärke einer bestimmten Registergruppe zu variieren) benötigt. Die Intonation der einzelnen Pfeifen eines jeden Registers muss optimal auf den Raum abgestimmt werden und stellte insbesondere bei den gegebenen Bedingungen dieses Kirchenraumes eine besondere künstlerische Herausforderung dar. Zugleich muss das Zusammenklingen der Register bei den unterschiedlichsten Registrierungen stets zu einem musikalischen Wohlklang des Instruments führen. 

Die Orgel im Allgemeinen ist seit ihren Anfängen sinnbildlicher Ausdruck unseres christlichen Glaubens. Das Geheimnis des Glaubens an Gott kann nur in begrenztem Rahmen sprachlich umschrieben und mit Worten ausgedrückt werden. Harmonische Kirchenmusik und gesungenes Gebet sind so ein willkommenes Hilfsmittel und 
ein wesentlicher Teil des liturgischen und gemeinschaftlichen Ausdrucks unseres Glaubens. Die Musik kann in der Liturgie die Seele der Menschen auf ihre spezifische Weise erreichen und die Saite des Göttlichen in uns zum Schwingen bringen. Die Orgel als Königin der Instrumente hat einerseits viel mit unserem persönlichen religiösen Empfinden zu tun, andererseits und zugleich begleitet sie das gemeinschaftliche Tun; Glaube ist nie eintönig und eindimensional. Das wird heute zunehmend auch von Verantwortlichen in der Kirche gesehen und entsprechend gewürdigt, Gestaltung von Liturgie als komplexe und hoch anspruchsvolle Aufgabe aller an der Verkündigung Beteiligten angesehen. Johann G. Herder hat das Wort geprägt: „Orgeln sind Wunderbaue; Tempel, von Gottes Hand beseelt; Nachklänge des Schöpfungsliedes.“ Kunstfertiges Handwerk, solide Technik und ausgesuchte Werkstoffe gehen eine einmalige Verbindung ein. Der äußere Anblick der „Königin der Instrumente“ lässt kaum erahnen, wie Tausende von Teilen sich in ihr zum Ganzen vereinen. Abschließend möchte ich der Pfarrgemeinde St. Michael und der Orgelbaufirma Seifert zu diesem geglückten Opus in Großbüllesheim gratulieren. Insbesondere danke ich auch Pfarrer Peter Berg für die vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit. Nun soll es darum gehen, das entstandene musikalische Kunstwerk sprechen und wirken zu lassen, bringt es doch alle Voraussetzungen mit, sich in die Herzen der Gemeindemitglieder und Gottesdienstbesucher als ihre neue Orgel hinein zu spielen. Möge sie immer zum Lobe Gottes und zur geistlichen Erbauung der Gläubigen erklingen! 
AD MAJOREM GLORIAM DEI! 
Volker Prinz | Seelsorgebereichskirchenmusiker     

 

Disposition der neuen Seifert – Orgel (II / 29): (Stimmung: Bach-Fischer) 
Hauptwerk, C – g ´´´ 
Bourdon 16 ´ 
Principal 8 ´ 
Hohlflaut 8 ´ 
Viola di Gamba 8 ´ 
Oktave 4 ´ 
Spitzflaut 4 ´ 
Quinte 2.2.3 ´ 
Superoktave 2 ´ 
Terz 1.3.5 ´ 
Mixtur IV Trompete 8 ´   
Unterwerk, C – g ´´´ 
Suavial 8 ´ Bourdon 8 ´ 
Salicional 8 ´ 
Unda maris 8 ´ (tiefer schwebend) 
Principal 4 ´ 
Traverse 4 ´ 
Nasard 2.2.3 ´ 
Doublette 2 ´ 
Tierce 1.3.5 ´ 
Cymbel III Cromorne 8 ´ 
Tremulant   Pedalwerk, C – f ´ 
Violonbass 16 ´ 
Subbass 16 ´ 
Oktavbass 8 ´ 
Gedacktbass 8 ´ 
Choralbass 4 ´ 
Posaune 16 ´ 
Basstrompete 8 ´ 
Koppeln: II-I, I-P, II-P, Super II-P, Nachtigall, Cymbelstern

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