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Die selige alte Postzeit

Die alte Poststelle in Großbüllesheim oder die selige alte Postzeit

      Erinnerungen vom „Schwarze Heidrun“

 

Schön haddert he!“ sagte der Unbekannte. Arbeitssam gekleidet schaute er sich interessiert und bewundernd in der kleinen Poststelle Großbüllesheim um. „Ich bin der neue Pastor!“, überraschte er. – Welch ein Erstkontakt! Das war er also, unser neuer – gerade in der Pfarrhausrenovierung befindliche – Pastor Berg.

 

 „Schön haddert he!“, dieses geistliche Kompliment unseres ehrwürdigen Pastors verbinde ich seit dieser Zeit mit meiner alten Poststelle. Ja, er hatte Recht! Schön war die alte Poststelle!

Die alte Dorfpost befand sich über 40 Jahre in der Großbüllesheimer Straße 84, nur einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt. Nahe der Ortsgrenze zu Wüschheim versorgte sie beide Dörfer mit nahezu allen Errungenschaften der gelben Brief- und zunehmend auch der blauen Bankpost. Aber der kleine Postraum war mehr! Er beschränkte sich nicht nur auf den Briefmarkenverkauf, der Paketannahme oder den modernen Finanzabwicklungen. Hier war der Kunde noch König! Auch war es ein wichtiger sozialer Treffpunkt, denn manch dringende Dorfneuigkeit wurde unter den Kunden ausgetuschelt. Die alte Post war ein soziales Netzwerk, es war das Twitter und Facebook der Vergangenheit. Viele liebenswürdige Menschen und Originale sind mir begegnet. Ich durfte mich sehr wohl fühlen! Ihnen bin ich noch heute dankbar!

Mein Vater wurde der erste Poststellenhalter. Als alter Zimmermannsmeister – bis zu diesem Zeitpunkt bewirtschaftete er das rückwärtige Sägewerk – kannte er Land und Leute. Heinrich Schwarz, genannt Hein, war bekannt. Er übernahm im Jahre 1959 aus Altersgründen die Post. Bewundert wurde er, weil er mit seinem Holzbein manchen Großbüllesheimer Dachstuhl erstieg. Heute unvorstellbar, aber die Nachkriegszeit war einfach anders. Bis zu seiner Rente bearbeitete er dann Päckchen und Briefmarken. Seine trocken-lustige Art ist noch manchem Alten in guter Erinnerung. Danach übernahm meine Mutter Charlotte, genannt Lotte, die Poststelle, die sie dann 1980 an mich abtreten durfte.

Nun hatte ich sie, nun war ich eine Poststellenhalterin "Römisch Eins". Römisch Eins, weil es eine dicke Glasscheibe zwischen dem inneren Amtsraum und dem Kundenraum gab. Und diese römische Zahl war wichtig. Wichtig für meine Sicherheit und wichtig für mein Einkommen! Obwohl – in all den Jahren waren die Kunden stets freundlich zu mir. Und die Unfreundlichen? Die habe ich einfach vergessen! – Obwohl, die Zeit der rumänischen Posträuberbande versetzte mich dennoch in Angst und Schrecken. Nahezu alle umliegenden Poststellen-Dörfer wurden von den Einbrechern heimgesucht. Hatte ich einen besonderen Schutzengel?

Viele nette Geschichten ereigneten sich in diesem kleinen, nur wenige Quadratmeter großen Amtsraum. Gerne erinnere ich mich an ein kleines uraltes Mütterchen. Während eines Gesprächs nahm sie ihr dickes, übervollquellendes Portemonnaie, welches mit einem dicken roten Einmachgummi mehrfach gesichert war. Dann öffnete sie es umständlich und sprach bedeutungsvoll: „Drrrum prrrüfe werrr sich ewig bindet, ob sich das Geld zurrr Scheidung findet.“ Dabei rollte sie das R in ihrer unnachahmlichen Art. Altersweisheiten!

Gerade die liebenswürdigen Kunden neutralisierten den für Aussenstehenden nicht sichtbaren Stress. War die Poststelle geschlossen, musste umgehend die immer komplizierter werdende Abrechnung erfolgen, weil die Ankunft des Postfahrers zur Ablieferung unmittelbar bevorstand. Hektik und Druck, besonders in den späten Jahren, bestimmte das Geschäft. Oft stand die Warteschlange bis vor die Eingangstür. Nette Sprüche erleichterten daher manche Arbeit. Unvergesslich der alte Herr, der in der Post eine alte Bekannte nach langer Zeit traf.

„Du? Hee? Levst du och noch? Ich wor dis Daach om Kerchhof un han dich jesöck un nit jefonge.“ (Lebst du auch noch? Ich war dieser Tage auf dem Friedhof und habe dich gesucht und nicht gefunden.) Es folgte eine liebenswürdige Begrüßung in tiefer Mundart, die für Zugezogene mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit rätselhaft geblieben wäre.

Die Großbüllesheimer (und natürlich auch die Wüschheimer!) sind eben anders! Sie sind direkt, ehrlich und rheinisch charmant! Eben von hier!

Eines guten nachmittags kam eine Asiatin mit einem Auslandspaket. Die Frau war enttäuscht, denn aus nachvollziehbaren Gründen konnte das Paket nicht termingemäß zugestellt werden. Sie war einfach zu spät! Zuvorkommend, wie die Hiesigen nun einmal sind, klopfte ein Großbüllesheimer Original sie auf die Schulter, lächelte sie sanft an und sagte liebenswürdig: „Jev et mir, ich fahret hück Ovend mim Auto dar.“ (Geben Sie es mir, ich fahre es heute Abend mit dem Auto dahin.) „Fleundlisch, fleundlisch! Ihr seid ja alle so fleundlisch!“ entgegnete die Weitgereiste in gefärbtem Asien-Deutsch lächelnd. Alle lachten und der entstandene Zustellungs-Schmerz verpuffte.

„Schön haddert he!“, der Satz unseres Pastors liegt mir noch immer im Ohr. Das Bundes-Poststellen-Sterben erreichte einige Jahre nach der Jahrtausendwende auch Großbüllesheim. Der Ort über 40-jähriger Postarbeit, über 40-jährigem Dienst an den Menschen, ist nach der Renovierung meine neue Küche geworden. Der Schreibtisch ist der Spüle gewichen, das Dienstregal dem Ofen, der Tresor dem Küchenstuhl.

Bei einem Glas Wein am Küchentisch, dort, wo all die Jahre die schusssichere Trennscheibe stand, kommen manchmal wehmütige Erinnerungen auf – Erinnerungen an Menschen, die mein Leben begleitet haben, Menschen, denen ich mich noch heute verbunden fühle und denen ich noch heute dankbar bin.

Großbüllesheim - schön haddert he!

Heidrun Szopinski