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Die neue Seifert-Orgel (29/II) von St. Michael

Zur Genese eines kirchenmusikalischen Bauprojekts


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Am Samstag, dem 10. September 2011, um 17:00 Uhr wurde in der Katholischen Pfarrgemeinde St. Michael in Großbüllesheim die neue Kirchenorgel feierlich eingeweiht und in den liturgischen Dienst gestellt. Es handelt sich hierbei um ein Werk der renommierten Orgelbaufirma Romanus Seifert aus Kevelaer, mit dem die alte Orgel endlich ersetzt werden kann.

 

Als ich vor 10 Jahren meine Arbeit als Seelsorgebereichskirchenmusiker im Pfarrverband Erftmühlenbach begann, sah ich schon bald die Notwendigkeit des Neubaus einer Orgel für die Pfarrkirche St. Michael. Das Vorgängerinstrument von 1938, das aus einem Umbau der ursprünglichen Orgel aus der alten Kirche hervorgegangen war, erwies sich schon lange sowohl optisch als auch klanglich für diesen Raum und für den liturgischen und kirchenmusikalischen Bedarf als nicht zureichend; technisch befand sich die Orgel in einem unhaltbaren, ja gefährlichen Zustand.

Es bedurfte dennoch einer erheblichen Überzeugungsarbeit, den Kirchenvorstand und die Gemeinde für einen Neubau zu gewinnen, handelte es sich doch um ein Vorhaben mit gewaltigen Kosten! Kritiker versuchten es mit ihren Bedenken besonders hinsichtlich des Kostenaufwandes madig zu machen, sodass ich immer wieder gefordert war, die Argumente für den Neubau zu verdeutlichen. Mein Ziel war es, auch diese Kritiker zu überzeugen und der Pfarrkirche endlich zu einem würdigen Instrument zu verhelfen.

 

In einer Kirche eine neue Orgel zu bauen oder auch eine alte zu renovieren funktioniert nur dann, wenn es viele Menschen gibt, die sich für ein solches Projekt engagieren und dann auch bei der konkreten, über Jahre andauernden Durchführung unterstützend dabei sind. Schließlich wurde beim Pfarrfest 2006 eine Abstimmung zur Neuanschaffung einer Orgel durchgeführt. Es zeigte sich, dass sich von hundert Stimmen nur wenige gegen einen Neubau aussprachen. Dies war ein wichtiger Schritt zur Realisierung des Projekts, denn er signalisierte die erforderliche Akzeptanz und Unterstützung.

Nachdem die Pfarrgemeinde drei Firmen besucht hatte, fiel die Wahl ziemlich eindeutig auf die Firma Seifert in Kevelaer. Der Neubau-Auftrag konnte daraufhin nach den entsprechenden Entscheidungen in den Gremien der Pfarrei im September 2007 erteilt werden.

Im Frühjahr 2008 begann ich in Zusammenarbeit mit der Firma Seifert mit der klanglichen Planung der Orgel, die letztlich bis zur endgültigen Fertigstellung andauerte. Während dieser Zeit waren regelmäßige Besuche und fachliche Gespräche mit dem Orgelbauer und immer wieder auch mit Pfarrer Berg selbstverständlich. Der Besuch und die Inaugenscheinnahme vieler neu gebauter Seifert-Orgeln in ganz Deutschland trug wesentlich zur Optimierung der gemeinsamen Planung und Ausführung bei.

Unsere neue Orgel verfügt über 29 Register auf 2 Manualen und Pedal verteilt und hat insgesamt 1648 Pfeifen. Der sehr aufwändig gestaltete Orgelprospekt (Schauseite der Orgel) fügt sich hervorragend in den Kirchenraum ein: Das Gehäuse wirkt auf den Gottesdienstbesucher wie ein Engel, der seine „Flügel“ ausgebreitet hat, eine angemessene und ansprechende Symbolik für eine Kirche unter dem Patronat des Heiligen Michael. Die Orgel nimmt gestalterisch die Raumelemente auf: Die romanischen Rundungen der alten Kirche spiegeln sich in den „Tonnen“ wieder, die Holzdecke des neuen Teils wird farblich aufgenommen und zusammen mit anderen Merkmalen der architektonischen Formsprache behutsam integriert. So wurde das Gehäuse mit einem hellen Pigment-Öl behandelt, um eine optische Brücke von der Bruchsteinwand der alten Kirche über die Decke des neuen Raums bis hin zur Orgel zu schlagen. Die Linie führt also verbindend vom romanischen Baubestand über die Decke des Neubaus zur neuen Orgel. Auch die Rautenform der Fenster des Neubaus finden sich in der Prospektgestaltung wieder. Die Holztafeln der unteren Seitenteile zeigen sich kunstvoll mit einem kreisförmigen Muster durchbrochen; dadurch ist die Klangabstrahlung des im unteren Teil der Orgel stehenden Nebenwerks (Unterwerk) in den Kirchenraum gewährleistet. Dominierend wirkt die Dynamik des Orgelprospekts mit den glänzenden Prinzipal-Pfeifen, dem Hauptregister einer Orgel.

Unsere Kirchenorgel ist klanglich als ein Instrument des 19. Jahrhunderts konzipiert. Das ist jedoch nicht als Rückschritt zu verstehen, denn sie eignet sich mit dieser Disposition hervorragend zur Darstellung der Literatur von der Barockzeit bis hin zu den Anfängen der Romantik (Bach, Mendelssohn, Rheinberger). Dadurch ergibt sich eine beachtliche stilistische Vielfalt. Darüber hinaus ist ein sakrales Instrument mit vielfältigen Variationsmöglichkeiten für das liturgische Orgelspiel entstanden. Die schwierige, sehr stumpfe Akustik der Kirche stellte allerdings eine zusätzliche Herausforderung dar: Die konzeptionelle Antwort bestand bei fehlendem Nachhall darin, ein kammermusikalisches Instrument zu schaffen, das kein Schwellwerk (ein innerhalb der Orgel mechanisch schließbares Gehäuse, um die Lautstärke einer bestimmten Registergruppe zu variieren) benötigt. Die Intonation der einzelnen Pfeifen eines jeden Registers muss optimal auf den Raum abgestimmt werden und stellte insbesondere bei den gegebenen Bedingungen dieses Kirchenraumes eine besondere künstlerische Herausforderung dar. Zugleich muss das Zusammenklingen der Register bei den unterschiedlichsten Registrierungen stets zu einem musikalischen Wohlklang des Instruments führen.

Die Orgel im Allgemeinen ist seit ihren Anfängen sinnbildlicher Ausdruck unseres christlichen Glaubens. Das Geheimnis des Glaubens an Gott kann nur in begrenztem Rahmen sprachlich umschrieben und mit Worten ausgedrückt werden. Harmonische Kirchenmusik und gesungenes Gebet sind so ein willkommenes Hilfsmittel und ein wesentlicher Teil des liturgischen und gemeinschaftlichen Ausdrucks unseres Glaubens. Die Musik kann in der Liturgie die Seele der Menschen auf ihre spezifische Weise erreichen und die Saite des Göttlichen in uns zum Schwingen bringen. Die Orgel als Königin der Instrumente hat einerseits viel mit unserem persönlichen religiösen Empfinden zu tun, andererseits und zugleich begleitet sie das gemeinschaftliche Tun; Glaube ist nie eintönig und eindimensional. Das wird heute zunehmend auch von Verantwortlichen in der Kirche gesehen und entsprechend gewürdigt, Gestaltung von Liturgie als komplexe und hoch anspruchsvolle Aufgabe aller an der Verkündigung Beteiligten angesehen. Johann G. Herder hat das Wort geprägt: „Orgeln sind Wunderbaue; Tempel, von Gottes Hand beseelt; Nachklänge des Schöpfungsliedes.“ Kunstfertiges Handwerk, solide Technik und ausgesuchte Werkstoffe gehen eine einmalige Verbindung ein. Der äußere Anblick der „Königin der Instrumente“ lässt kaum erahnen, wie Tausende von Teilen sich in ihr zum Ganzen vereinen.

Abschließend möchte ich der Pfarrgemeinde St. Michael und der Orgelbaufirma Seifert zu diesem geglückten Opus in Großbüllesheim gratulieren. Insbesondere danke ich auch Pfarrer Peter Berg für die vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit. Nun soll es darum gehen, das entstandene musikalische Kunstwerk sprechen und wirken zu lassen, bringt es doch alle Voraussetzungen mit, sich in die Herzen der Gemeindemitglieder und Gottesdienstbesucher als ihre neue Orgel hinein zu spielen. Möge sie immer zum Lobe Gottes und zur geistlichen Erbauung der Gläubigen erklingen!

AD MAJOREM GLORIAM DEI!

Volker Prinz | Seelsorgebereichskirchenmusiker

 

 

Disposition der neuen Seifert – Orgel (II / 29): (Stimmung: Bach-Fischer)

Hauptwerk, C – g ´´´

Bourdon 16 ´

Principal 8 ´

Hohlflaut 8 ´

Viola di Gamba 8 ´

Oktave 4 ´

Spitzflaut 4 ´

Quinte 2.2.3 ´

Superoktave 2 ´

Terz 1.3.5 ´

Mixtur IV

Trompete 8 ´

 

Unterwerk, C – g ´´´

Suavial 8 ´

Bourdon 8 ´

Salicional 8 ´

Unda maris 8 ´ (tiefer schwebend)

Principal 4 ´

Traverse 4 ´

Nasard 2.2.3 ´

Doublette 2 ´

Tierce 1.3.5 ´

Cymbel III

Cromorne 8 ´

Tremulant

 

Pedalwerk, C – f ´

Violonbass 16 ´

Subbass 16 ´

Oktavbass 8 ´

Gedacktbass 8 ´

Choralbass 4 ´

Posaune 16 ´

Basstrompete 8 ´

Koppeln: II-I, I-P, II-P, Super II-P, Nachtigall, Cymbelstern